Transparenz Voraussetzung für Integration
Gärtringen, 24.9.2010
Wie können behinderte Menschen noch
besser mitten in unserem Alltag leben? Gelungene Beispiele auf dem Weg
zur Selbständigkeit beeindruckten den parlamentarischen Staatssekretär
im Bundesministerium für Arbeit und Soziales Hans-Joachim Fuchtel, CDU,
bei seinem Besuch in den Gemeinnützigen Werkstätten und Wohnstätten
(GWW) in Gärtringen.
Bettina Michel und Gerd Müller wohnen
seit 2007 in einer eigenen Wohnung und erhalten nur noch einmal
wöchentlich Unterstützung durch die GWW. Das war nicht immer so. Dazu
Müller: „Ich wollte immer selbständig leben und darum bin ich von meinen
Eltern aus ins Wohnheim gezogen“. Dort lernte er, für sich selbst zu
sorgen. Ein zusätzliches Jahr verbrachte er in der Trainingswohnung, die
einen weiteren Schritt zum selbständigen Wohnen markiert: „Da habe ich
gelernt Wäsche zu waschen und außerdem Bettina getroffen.“ Gemeinsam
konnten sie sich auf ihre Selbständigkeit vorbereiten. Soziale Kontakte
wurden geknüpft, so dass der Umzug in die eigenen vier Wände leichter
bewältigt werden konnte.
Die Integration behinderter Menschen im
Alltag stößt allerdings auch auf Probleme. Je selbständiger diese
Personen leben, desto geringer ist der bisher erfahrene Schutzraum.
Damit finden sie sich mit Konflikten konfrontiert, die bisher
professionelle Begleiter abgefangen haben. „Ziel ist es daher, Menschen
mit Behinderungen auf den Alltag vorzubereiten und ihr Selbstbewusstsein
zu stärken“, erläutert Andrea Stratmann, Geschäftsführerin der GWW.
„Zufriedene Stimmen der Betroffenen spiegeln dabei die Qualität der
Umsetzung wider.“
Darauf zielt auch die UN-Konvention der Rechte
für Menschen mit Behinderungen, die 2007 auch von Deutschland
unterschrieben worden ist. Dies erfordert aber auch eine Vielfalt an
Wohn-, Freizeit und Arbeitsangeboten für diesen Personenkreis, damit der
Lebensweg nach eigenen Wünschen gestaltet werden kann.
Besonders
aufmerksam verfolgten Staatssekretär Fuchtel und Dr. Peter Mozet,
Referatsleiter im Bundesministerium für Arbeit und Soziales die
Erfahrungen mit der Unterstützten Beschäftigung. Unterstützte
Beschäftigung unterstützt behinderte Menschen bei der Teilhabe am
Arbeitsleben und ist seit 2008 gesetzlich verankert. Es umfasst die
berufliche Orientierung und Vorbereitung, sowie die Vermittlung und
Qualifizierung in einem Betrieb des allgemeinen Arbeitsmarktes. Die
langfristige Stabilisierung des Arbeitsverhältnisses wird ebenfalls
durch einen Jobcoach begleitet. Basis für die erfolgreiche Vermittlung
sind die langjährigen positiven Beziehungen der Werkstätten für
behinderte Menschen (WfbM) zu anderen Unternehmen. In Praktika können
die behinderten Menschen erste Erfahrungen außerhalb von Werkstätten
machen. „Aber auch die Unternehmen müssen lernen mit diesem
Personenkreis umzugehen“ erläutert Stratmann die wichtige Voraussetzung
für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Daher kann der Erfolg nicht allein
an den Vermittlungszahlen gemessen werden. Auch ein WfbM-Arbeitsplatz
in einem Unternehmen des allgemeinen Arbeitsmarktes kann ein wichtiger
Schritt auf dem Weg in die Selbständigkeit sein. Denn die Werkstätten
können nicht alle gewünschten Arbeitsfelder selbst anbieten. Und wo
Integration direkt an den Orten des allgemeinen Arbeitsmarktes gelingt,
ist das ein wünschenswertes Ergebnis. Der Übergang muss für alle
Beteiligten passen. So auch für die Betriebe, die dort Beschäftigten,
das Berufsbild und die tarifliche Eingruppierung. Der Weg der kleinen
Schritte ist daher nach Erfahrung von Stratmann der langfristig
erfolgreichere: „Wir können ohnehin die Einstellungspolitik anderer
Firmen nicht steuern.“ Staatssekretär Fuchtel lobt denn auch die
Transparenz mit der die GWW seit über 30 Jahren den Weg der Integration
behinderter Menschen in verschiedene Tätigkeitsfelder begleitet.
Grundsätzlicher
Antrieb der Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist die
behinderte Person selbst. „Wir begleiten selbstverständlich auch
weiterhin Beschäftigte der GWW, die in einer WfbM begleitet werden
wollen“, unterstreicht daher die Geschäftsführerin.
Eine
besondere Herausforderung für die nächsten Jahre ist der weitere
zahlenmäßige Anstieg behinderter Menschen in Deutschland. Immer mehr
Personen werden immer älter. Daher ist es verständlich, wenn der
Staatssekretär fordert, die Kostenentwicklung unbedingt im Auge zu
behalten: „Wir müssen genau hinschauen, welche Initiativen welche
Wirkungen zeigen“.
Eine mögliche Lösung sieht die GWW hier im Einsatz
der von ihr ausgebildeten Alltagsbetreuer. In der staatlich anerkannten
Qualifizierung lernen behinderte Menschen anderen Personen zu helfen
und sie im Alltag zu unterstützen. Dies können ältere oder auch
behinderte Menschen sein. Mittlerweile haben 25 Personen diese
Qualifizierung in der GWW erfolgreich abgeschlossen und größtenteils
einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gefunden. „Das ist
eine gute Ausgangsbasis“ lobt Fuchtel, „denn wir brauchen in Zukunft in
diesem Bereich zusätzliche helfende Hände.“ Dazu bringen die
Alltagsbetreuer Erfahrungen mit der eigenen Behinderung gewinnbringend
in ihr Tätigkeitsfeld ein. Erfahrungen, die häufig Ausdruck einer
besonderen Beziehung zu den betreuten Personen werden.


